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Wilde Stadt


An beiden Enden der Golden Gate Bridge kann man sehr gut wandern

An beiden Enden der Golden Gate Bridge kann man sehr gut wandern

An der berühmtesten Brücke der Welt entladen sich die Reisebusse im Minutentakt. Menschen von allen Kontinenten steigen aus, dirigieren ihre Verwandtschaft nach links und nach rechts, um sie in möglichst idealer Weise auf das Smartphone-Display zu bringen, natürlich zusammen mit diesem elegant geschwungenen roten Bauwerk namens Golden Gate Bridge. Über sie rauscht der Verkehr auf sechs Autospuren, unaufhörlich, Tag und Nacht. Im Osten sind die immer höher wachsenden Bürotürme des Bankenviertels zu sehen. Kaum jemand aber hat einen Blick dafür, was sich unmittelbar nördlich und südlich dieser Brücke befindet: nämlich nichts. Keine Häuser, keine großen Straßen, kein Stadtlärm. Dafür gibt es dort viel Natur, rote Felsen, die steil zum Pazifik abfallen, Grasland, wilde Sandstrände.
„Für alles Grün, das man hier in der Bucht von San Francisco sieht, wurde gekämpft“, sagt Huey D. Johnson. Er muss es wissen, denn der heute 85-jährige hat diesen Kampf viele Jahrzehnte lang in vorderster Linie geführt, „und zwar mit großem Vergnügen“. Johnson, der in Mill Valley lebt, ist einer der bekanntesten Umweltschützer Kaliforniens, wenn nicht der USA. „Ich habe hier im Büro eine lange Liste von Immobilienentwicklern und anderen Unternehmen hängen, die wegen uns Insolvenz anmelden mussten“, sagt Johnson und grinst. Einer seiner größten Coups war es, eine neue Stadt auf den Hügeln der Marin Headlands zu verhindern, gleich am nördlichen Ende der Golden-Gate-Brücke. Marincello sollte sie heißen, Boulevards und Hochhäuser für bis zu 30 000 Bewohner bieten.

Naturschützer Huey Johnson

Naturschützer Huey Johnson

Ende der Sechziger Jahre, als San Francisco stark wuchs, hatte Gulf Oil das Land gekauft und wollte es entwickeln. Es entstand eine Bürgerbewegung dagegen. Johnson war damals Direktor von The Nature Conservancy, einer großen Umweltschutzorganisation. Er verhandelte mit den Investoren, die sich siegessicher gaben, weil sie dachten, der Bürgerbewegung würde schnell das Geld ausgehen. „Ich habe geantwortet: ,Unterschätzen sie diese Leute nicht: Sie werden von niemandem bezahlt und machen das aus Überzeugung – die geben nicht nach.'“ Und so war es. Am Ende hatte eine Klage wegen Formfehlern bei der Genehmigung des Projektes Erfolg.
Das Land wurde unter Schutz gestellt, als Teil der „Golden Gate National Recreation Area (GGNRA)“, dem ersten urbanen Nationalpark, den die damals sehr starke US-Umweltschutzbewegung 1972 erstritten hatte. Bis heute ist dieser auf 32.000 Hektar angewachsen, vieles davon ist ehemaliges Militärgelände. „Es gibt nicht viele Städte in der Welt, wo man so eine bemerkenswerte Landschaft unmittelbar neben einem großen urbanen Zentrum hat wie hier“, sagt Johnson. „Du brauchst keine Ranch in Nordkalifornien zu besitzen, um mitten in der Natur wandern zu gehen.“
Um das zu begreifen, muss man nur einmal über die Golden Gate Bridge fahren, dann links abbiegen und durch die von Huey Johnson für die Allgemeinheit geretteten Marin Headlands wandern. „Dafür werde ich Huey mein Leben lang dankbar sein“, sagt Debra Schwartz. Die viel jünger aussehende 61-Jährige hat ihr liebstes Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet als Wanderführerin rund um San Francisco. Sie brennt für die Natur und die Geschichte dieser Gegend, kennt jede Pflanze am Wegesrand und die Mythen der Küstenindianer, die hier vor der Ankunft der Spanier 1775 gelebt haben. „Du musst dir die verdammten Häuser wegdenken! Die ganze San-Francisco-Halbinsel sah so aus: Wälder, Bäche, Blumenwiesen!“

Die Wanderführerin Debra Schwartz

Die Wanderführerin Debra Schwartz

Gerade blüht auf den Klippen der orangefarbene kalifornische Mohn, die hübsche Staatsblume, dazu wilder Rettich mit zartlila Blüten und jede Menge im Wind raschelndes Rattlesnake-Gras. An der Steilküste segeln Braunpelikane wie Urzeitvögel im stürmischen Wind. Debra Schwartz hat erst mit 51 in Berkeley zu studieren begonnen, „Native American Studies“, also Indianerforschung, weil das Fach von Geologie über Botanik bis zur Theologie ihren Wissensdurst am ehesten stillen konnte. Sie findet, dass die Reichen in den USA mehr für den Umweltschutz zahlen sollten: „Nenn mich eine Sozialistin!“ Trumps Zurückdrehen von Umweltschutz-Standards macht ihr große Sorgen und wie die meisten Kalifornier empfindet sie diesen Präsidenten als persönliche Beleidigung.
„Da unten!“, ruft sie plötzlich, „Wale, so groß!“. Tatsächlich tauchen sehr nahe an der Küste zwei der Tiere auf, eine Kuh mit Kalb, man sieht ihren mit weißen Parasiten überwucherten Rücken und die Fontänen aus ihren Atemlöchern, auch ohne Fernglas. „Grauwale“, erklärt Schwartz, „die ziehen im Sommer in Richtung Alaska.“
Solch beeindruckende Natur liegt nur 20 bis 30 Fahrtminuten von Downtown entfernt. Wer gar nicht fahren möchte, bekommt aber auch direkt in San Francisco einiges an Wildnis: Die Seelöwenkolonie, die lautstark, lustig und stinkend die Holzpontons an Pier 39 besiedelt hat, gehört schon länger zum Touristenprogramm. Weniger bekannt ist, dass es auch einen innerstädtischen Nationalpark gibt: das Presidio. Dieses ehemalige Militärgelände von rund 600 Hektar liegt im äußersten Nordwesten der Stadt, direkt südlich der Golden-Gate-Brücke. Einst von den Spaniern als Vorposten errichtet und später von den USA zur Verteidigung der Bucht ausgebaut, wurde der Stützpunkt in Zeiten von Interkontinentalraketen obsolet und aufgegeben. Wieder waren es Bürger von San Francisco und Umweltschützer, die einen Verkauf an Bau-Investoren verhinderten. Seit 1972 gehört Presidio zur GGNRA, seit 1994 wird das Gebiet vom National Park Service gemanagt und hat landesweit Vorbildfunktion. Denn der National Park Service engagiert sich stark dafür, mehr urbane Nationalparks zu installieren, um „relevant für alle Amerikaner“ zu sein und nicht nur für jene, die sich Urlaub in Yosemite leisten können.
Als „Recreation Area“ (Erholungsgebiet) unterliegt Presidio nicht ganz so strengen Schutzbestimmungen, viele Gebäude und die zur Golden-Gate-Brücke führende Stadtautobahn schmälern das Naturerlebnis. Die Autobahn wird aber gerade aufwendig mit begrünten Tunnels überbaut. Die sogenannten Tunnel Tops, vom Architekten der New Yorker „High Line“ geplant, sollen ab 2019 die aussichtsreichen Höhen des Presidio wieder mit der nördlich gelegenen Bucht verbinden.
An manchen Stellen ist Presidio aber schon heute überraschend wild: Wandert man etwa von der überfüllten Golden-Gate-Bridge auf dem Batteries-to-Bluff-Trail nach Süden, kann man sich tatsächlich eher wie ein Miwok-Indianer vor Ankunft der Spanier fühlen als ein Großstadt-Tourist im Jahr 2017. Der Weg führt durch die Steilküste am Pazifik entlang. Wäre der Wind vom Meer her nicht so kalt, man könnte sich am Mittelmeer wähnen: Es geht durch eine Art Macchia, aber auch unter windschiefen Zypressen und Kiefern hindurch. Ätherische Öle mischen sich mit der Salzluft. In den Büschen zirpt und singt es, Nektarvögel schweben an den Blüten, Bussarde stehen in der steifen Brise und halten nach Beute Ausschau.

Rotschwanz-Bussard im Presidio

Rotschwanz-Bussard im Presidio

Unten schlägt die Brandung weiß schäumend an dunkle Felsen, auf denen Kormorane und Braunpelikane auf die nächste Fischmahlzeit warten. Das Indianer-Gefühl wird nur von vereinzelten Betonplattformen gestört, auf denen einst die Geschütze (batteries) montiert waren – viele Amerikaner kommen vor allem ihretwegen ins Presidio. Wer über die Schulter zurückschaut, bekommt ständig wechselnde, sich übertreffende Ansichten der Golden Gate Bridge, besonders postkartenträchtig ist der Blick vom felsigen Marshall’s Beach. Über den sandigen Baker Beach kann man, nur kurz vom edlen Villenviertel Sea Cliff unterbrochen, immer auf schönen Wanderwegen durch das noch wildere Lands End bis an den Ocean Beach wandern – und befindet sich noch immer im Nationalpark.
Überall weisen Schilder und Absperrungen darauf hin, dass hier die ursprüngliche Vegetation wieder bepflanzt wurde: Eisenkraut, Salbei, Stranderdbeeren, Manzanita-Büsche. Darüber freut sich Robert MacKimmie. Der Imker steht mit Räucherpfeife und breitkrempigem Hut auf der Dachterrasse eines Hauses am südlichen Ende des Presidio, direkt am Mountain Lake. Es gehört einem Ärztepaar, das ihm die Terrasse für seine Bienenstöcke zur Verfügung stellt. „Die Bezahlung erfolgt in Honig“, sagt er grinsend, „und der ist hier besonders gut, weil es im Presidio wieder so viele ursprüngliche Pflanzen gibt.“ MacKimmie hat seine Bienenstöcke in 30 verschiedenen Hinterhöfen in der ganzen Stadt verteilt und zirkuliert mit seinem alten Mercedes voller Imkerausrüstung zwischen ihnen. Er ist einer der wenigen hauptberuflichen Stadtimker, verkauft seinen Honig für stolze Preise auf Bauernmärkten. „San Francisco ist eine der besten Städte für Imker. Durch die vielen Hügel mit ihren geschützten Lagen und den Nebel vom Pazifik her blüht es eigentlich das ganze Jahr über irgendwo.“ Trotzdem bereitet ihm die Varroamilbe Sorgen – und nicht nur die. Das Imkern sei in der Stadt zu einem Lifestyle-Hobby geworden, sagt MacKimmie, viele Amateure hielten Bienen, bekämpften aber aus Unwissen oder falschem Öko-Bewusstsein die Milben nicht. „Das führt dazu, dass die sich noch schneller verbreiten!“ Ansonsten seien die Großstädter gute Kunden, die lokale Produkte liebten. Er schreibt auf die Gläser, von welchem Bienenstock der Honig kommt, also etwa: Lake Street/12th Avenue. „Da gibt es manche, die warten dann lieber auf den Honig, der noch ein paar Blocks näher an ihrer Wohnung entsteht – verrückt, nicht?“
Und weil hier alles sehr nahe aneinander liegt, kann man vormittags im Presido oder in den Marin Headlands wandern und nachmittags entweder in die Muir-Woods mit ihren uralten Redwoodbäumen fahren oder auf den sie überragenden Mount Tamalpais steigen, immerhin 784 Meter hoch; oder aber man nimmt die Fähre nach Angel Island, das weniger bekannt, aber viel schöner als das benachbarte Alcatraz ist. Auf Angel Island ist der erste Europäer vor Anker gegangen, der den Eingang zur Bucht durchs Golden Gate gefunden hat, ein Spanier. Später diente die Insel als Militärgelände und Quarantänestation vor allem für asiatische Einwanderer. Heute kommen hier viele Schulklassen und Ausflügler zum Grillen und Chillen her. Doch man ist schnell unter sich, sobald man einen der Pfade zum höchsten Punkt der Insel, dem 240 Meter hohen Mount Livermore einschlägt. „Der ist benannt nach der Umweltschützerin Caroline Livermore“, erklärt Debra Schwartz und geht schnellen Schrittes im Schatten von Steineichen und Eukalypten voran.

Bester Blick nach Downtown: Wandern auf Angel Island

Bester Blick nach Downtown: Wandern auf Angel Island

Die Aussicht vom Gipfel haut einen fast um: Die ganze blaue Bucht von San Francisco liegt vor einem, von Richmond über Berkeley und Oakland bis zu den Hochhäusern des Bankendistrikts, die zum Greifen nahe wirken. Man sieht das Grün des Presidio, die Golden Gate Brücke und die wunderbar unverbauten Marin Headlands. „Siehst du“, sagt Debra Schwartz zufrieden, jetzt weißt du, warum ich Huey Johnson und den anderen Umweltschützern so dankbar bin.“

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