Die schnelle Miss Oh

Die koreanische Bergsteigerin Oh Eun Sun, 44, hat als erste Frau alle 14 Achttausender bestiegen, den letzten, die Annapurna, im April 2010. Sie lieferte sich dabei ein Wettrennen mit der Spanierin Edurne Pasaban und der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, auch wenn beide das stets verneinten. Oh Eun Sun wird dafür kritisiert, dass sie mit großen Teams, zusätzlichem Sauerstoff und Helikoptern einen wenig puristischen Bergsteiger-Stil pflegt, außerdem wird ihre Besteigung des Kangchendzönga angezweifelt, weil auf dem Gipfelfoto nicht zu sehen ist, ob sie wirklich am höchsten Punkt stand. Es gab viele Interviews mit ihren Konkurrentinnen über sie, nun sprach sie mit der Süddeutschen Zeitung beim International Mountain Summit, einem Treffen der Spitzenbergsteiger in Brixen, erstmals über ihre Sicht der Dinge.

 Unter den 22 Menschen, die alle 14 Achttausender bestiegen haben, sind vier Koreaner, mehr als aus jedem anderen Land. Wie kommt das?

Oh Eun Sun: In unserem Land ist der höchste Berg knapp 2000 Meter hoch. Vielleicht weckt das die Sehnsucht, sich zu höheren Bergen in der Welt aufzumachen. Meine drei männlichen Kollegen Han Wang Yong, Um Hong Gil und Park Young Seok, die alle auf den 14 höchsten Bergen der Erde gestanden sind, haben durch ihr Vorbild und ihre Medienpräsenz das Höhenbergsteigen in Korea sehr populär gemacht. Auch mich haben sie natürlich beeinflusst.

 Wie sind Sie zum Bergsteigen gekommen?

Oh Eun Sun: Schon als Kind nahm mich mein Vater zu den Buk-Han-Bergen in der Nähe von Seoul mit. Dort haben mich die kleinen Kletterer in den großen Felswänden sehr fasziniert, und ich beschloss, das auch zu versuchen, wenn ich groß bin.

Warum mussten es dann gleich die höchsten Berge sein?

Oh Eun Sun: An der Universität trat ich in den studentischen „Alpine Club“ ein und lernte das Bergsteigen. Ich bestand schließlich die Aufnahmeprüfung für die erste koreanische Frauen-Everest-Expedition, an der ich 1993 teilnahm. Drei Frauen erreichten damals den Gipfel, ich kam allerdings nur bis ins Camp 3.

Bis zum Jahr 2007 haben Sie fünf Achttausender bestiegen – in zehn Jahren. Danach haben Sie in nur 15 Monaten acht Achttausender förmlich überrannt. Woher kam die plötzliche Energie?

Oh Eun Sun: Bis 2007 wusste ich nichts davon, dass Gerlinde Kaltenbrunner und Edurne Pasaban alle 14 Achttausender besteigen wollten. Als ich das erfuhr, wollte ich zu den drei besten Höhenbergsteigerinnen gehören. Und weil die beiden bereits neun und zehn Achttausender bestiegen hatten, musste ich eben schnell aufholen.

Also war es doch ein Wettlauf? Kaltenbrunner und Pasaban haben das ja stets verneint.

Oh Eun Sun: Das liegt vielleicht am Unterschied zwischen der westlichen und östlichen Mentalität. Für mich war es schon ein bisschen Wettkampf, wenngleich er nicht im Vordergrund stand. Die beiden anderen haben mir die Inspiration gegeben, nicht aber das Ziel, alle Achttausender zu besteigen. Ich musste nicht unbedingt die Erste sein, aber ich wusste, dass ich die Fähigkeiten dazu hatte. Im Übrigen finde ich, dass Bergsteigen kein Sport ist, denn dazu fehlen drei grundlegende Dinge: Es gibt keine Jury, es gibt kein Publikum und der Raum, in dem es stattfindet, ist unbegrenzt. Beim Bergsteigen gibt es nur zwei Faktoren: Die gewaltige Bergnatur und den Bergsteiger, der sich in ihr bewegt.

 Sie werden oft kritisiert wegen ihrer Methode des Bergsteigens. Es heißt, Sie seien immer mit großen Teams unterwegs, mit Sherpas, die Fixseile bis zum Gipfel verlegen, mit zusätzlichem Sauerstoff, und Sie ließen sich mit dem Helikopter ins Basislager fliegen.

Oh Eun Sun: Ich war nur anfangs in großen Teams unterwegs, bei den ersten Expeditionen. Danach waren meine Teams nicht mehr so groß, außer wenn ein koreanisches Fernsehteam mich begleitet hat. Da waren viele Sherpas für das Fernsehteam dabei. Bei mir waren mal 14, mal 18 Leute im Team, seit 2007 gehe ich aber nur mit ganz wenigen Bergsteigern. Ich selbst habe keinen koreanischen Kletter-Partner, deshalb gehe ich meist mit ein, zwei guten Sherpas, die meine Freunde geworden sind, bis zum Gipfel.

Und was ist mit Helikoptern und Sauerstoff?

Oh Eun Sun: Nur einmal, am Dhaulagiri 2009, habe ich einen Helikopter benutzt, um ins Basislager zu kommen, den hatte mir mein Sponsor zur Verfügung gestellt. Zusätzlichen Sauerstoff habe ich nur am Everest und am K2 verwendet. Damals dachte ich noch, ich kann es nicht ohne schaffen. Seit ich aber gesehen habe, dass meine Konkurrentinnen darauf verzichten, tue ich das auch. Und Fixseile sind mittlerweile auf den Normal-Routen an fast allen Achttausendern montiert und werden von allen verwendet.

 Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten den Gipfel des Kangchendzönga nicht ganz erreicht. Mag sein, dass Ihre Konkurrentinnen neidisch sind. Aber selbst die Korean Alpine Federation (KAF) erkennt die Besteigung nicht an.

Oh Eun Sun: Es gibt zwei Bergsteigervereinigungen in Südkorea. Der Korean Alpine Club hat meine Leistung anerkannt. Die KAF bestand aus sechs Männern, die sich auf die Fernsehberichte berufen und mir unfairerweise nicht die Gelegenheit gegeben haben, meine Sicht der Dinge zu schildern. Trotzdem bin ich immer noch KAF-Mitglied (lacht).

Kann es sein, dass Sie wegen des schlechten Wetters dachten, Sie seien ganz oben, sich aber doch nur 50 oder 100 Meter unter dem Gipfel befanden?

Oh Eun Sun: Nein. Der Sherpa, mit dem ich oben war, der hatte bereits drei Mal den Gipfel des Kangchendzönga erreicht. Trotz des schlechten Wetters habe ich für einen Augenblick gesehen, dass wir am höchsten Punkt gewesen sind.

 Zur selben Zeit, als Sie 2009 am Nanga Parbat waren, starb die koreanische Bergsteigerin Go Mi Sun dort. Sie hatte zuvor schon vier Achttausender in einem Jahr bestiegen. Sie selbst kamen danach vom Berg runter und fuhren gleich zum nächsten. Wie kann man das psychologisch verkraften?

Oh Eun Sun: Es war natürlich zuerst ein Schock und ich dachte: So kann es dir auch ergehen. Doch dann war meine Kraft größer, und ich sagte mir, dass das keinen Einfluss auf mein bergsteigerisches Vorhaben haben darf.

 Sind Sie in Südkorea nun ein Star und verdienen sehr viel Geld?

Oh Eun Sun: (Lacht) Ja, ich bin natürlich ziemlich bekannt, muss auch manchmal Autogramme geben. Und ich verdiene nicht schlecht. Geld ist aber nicht der Grund, warum ich das tue, wenngleich ich nichts dagegen hätte, wenn ich ein bisschen reicher würde. Nach der Diskussion um meine Kangchendzönga-Besteigung habe ich mich aber aus den koreanischen Medien zurückgezogen. Vielleicht überlege ich es mir in Zukunft auch wieder anders.

 Welche Projekte planen Sie ?

Oh Eun Sun: Im nächsten Frühling werde ich für die „Save-The-Earth“-Umweltschutzorganisation und vielleicht mit einem chinesischen Bergsteiger den Everest besteigen. Diesmal versuche ich es ohne Sauerstoff.

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