Hart an der Grenze

Es läuft etwas schwierig an – wortwörtlich. Baden ja, mit dem Schiff fahren selbstredend auch, radeln, wenn es denn sein muss; aber dass man in ihrem Land einfach zu Fuß gehen möchte, gar wandern, das leuchtet vielen Portugiesen nicht so ganz ein.

Da ist etwa der Koch im Hotel in Marvão bereits dabei, einen Picknickkorb herzurichten, mit Oktopussalat, ganzen Schafkäse-Laiben, mehreren Tellern, Besteck, Gläsern, Wein. Das ganze Trumm ist wohl zwölf Kilo schwer. Er meint es ja gut, aber wer soll das tragen? Schließlich lässt er sich davon überzeugen, zwei Drittel wegzulassen und den Rest rucksackgerecht in Plastikdosen zu verpacken. Picknicken, das bedeutet für die meisten seiner Gäste: Mit dem Auto durch die schöne Landschaft des Alentejo zu fahren, irgendwo unter einer alten Korkeiche sich den Bauch vollzuschlagen und abends wieder ins Hotel zurückzukehren. Und auch die Tourismusbeauftragte im Naturpark der Serra de São Mamede fragt, ob wir wirklich die vollen zwölf Kilometer des Rundwanderweges gehen möchten oder nicht doch lieber teilweise mit dem Auto fahren? Dabei hat der Naturpark selbst acht gelb-rot markierte Wanderungen eingerichtet, die an uralten Steinmauern entlang durch Eichenwäldchen und Olivenhaine und dabei stets leicht und abwechslungsreich auf und ab führen.

Aber dann gibt es da José Carlos Monteiro. Er behauptet auch, dass er nicht gerne wandere. „Zumindest nicht ohne bestimmtes Ziel“, sagt er, „sondern nur,wenn ich dadurch etwas entdecken oder lernen kann.“ Monteiro führt uns auf einer Wanderung über dem Tejo nördlich seines Heimatortes Nisa. Er ist geprüfter Wanderführer, aber das ist nur sein Hobby. Im Hauptberuf ist er Pensionswirt und Lehrer. Es ist ein spätsommerlich warmer Tag, und das Mitte Oktober. St.-Martins-Sommer nennen sie das hier. Die Vögel zwitschern, die Bienen summen, der Rosmarin blüht. Monteiro trägt ein knallrotes T-Shirt, einen großen Rucksack und eine Trillerpfeife um den Hals. „Damit pfeife ich, wenn Jäger in der Nähe sind, denn ich möchte nicht verwechselt werden.“ Tatsächlich sind in der Ferne Schüsse zu hören. Es gebe hier viel Wild, vom Rebhuhn bis zum Hirsch. Folgerichtig kreisen bald die Geier über uns. Sie nutzen die Thermik an den Klippen, die zum blauen Tejo hin abfallen. Es gibt hier im äußersten Osten Portugals, an der Grenze zur Extremadura, mehrere Kolonien von Gänsegeiern. Früher seien sie von den Bauern vergiftet worden, sagt Monteiro, doch mittlerweile habe auch der Dümmste begriffen, dass sie keine Gefahr für das Vieh darstellten und nur Aas fressen. Kadaver auszulegen ist in Portugal verboten, nicht aber im nur wenige Kilometer entfernten Spanien. So fliegen die Tiere einfach über die Grenze, wenn sie Hunger haben. Die Portugiesen kommen mit dem Auto, um vollzutanken, denn in Spanien kostet das Benzin 30 Cent weniger.

Der Weg führt einen Bergrücken hinauf, durch Kiefern und Wacholderbüsche. Es ist heiß. Ein älterer Mann mit Baskenmütze und Olivenrute fragt, ob wir sein Schaf gesehen haben. Nein, haben wir nicht, nur eine schwarze Witwe, dorfwärts gehend, mit einem Kübel voll goldgelber Quitten, so pittoresk, als hätte sie der Tourismusverein engagiert.

„Es gibt nur einen Ausweg für diese Region“, sagt Monteiro, „und das ist der Tourismus.“ Doch das sei schwierig, denn es fehle dem Alentejo an Geld, gut ausgebildete Leute gebe es wenig. Die Jungen gingen alle weg, nach Lissabon oder Porto oder gleich ins Ausland. Übrig bleiben Dörfer voller Alter, die vor ihren weiß gekalkten Häusern in der Sonne sitzen und darauf warten, dass sich mal etwas tut. Tut sich aber nichts. Das macht ja auch den Charme des Alentejo aus, die Ruhe, die Weite und die Natur. Sonst könnte man ja gleich an die Algarve fahren.

Monteiro hingegen, ein Mitvierziger mit viel Energie, will etwas bewegen. Zum Beispiel seine Landsleute. Jedes Jahr im März organisiert er eine „Schmugglerwanderung“ über die spanisch-portugiesische Grenze. Mittlerweile gebe es 300 Teilnehmer, es sei fast ein Volksfest. „In den vergangenen zehn Jahren haben viele Portugiesen mit dem Wandern angefangen“, sagt er, „weil es gesund ist und preiswert.“ Massensport sei es zwar noch keiner, aber es entstünden mehr Wanderwege. Als Mitglied der portugiesischen Camping- und Bergsteigervereinigung zertifiziert er neue

Wege. „Als ich angefangen habe, mit Militärkarten die Gegend zu Fuß zu erkunden, haben manche Bauern gedacht, ich wolle ihre Weinberge vergiften.“

Als Autodidakt weiß Monteiro mehr über die Gegend als so mancher Studierte. Am höchsten Punkt des Bergrückens, dort, wo die Geier über den Klippen kreisen und der Tejo glänzt, zeigt Monteiro auf eine Ebene am Fluss. Sie ist mit großen, symmetrischen Haufen aus kopfgroßen Flusssteinen bedeckt. „Menschenwerk!“, ruft er. Die Römer hätten hier eine Goldmine betrieben, indem sie den weichen, mit Flusskieseln durchsetzten Sandstein mit Wasser aufweichten, die Steine zu Haufen schichteten und schließlich das Gold aus dem Sand siebten. Nachdem die Steinhaufen jahrzehntelang zum Straßenbau abgetragen wurden, ist die Fläche erst seit 2009 nationales Kulturerbe und somit endlich geschützt. Monteiro zuckt mit den Schultern.

Nach einem Mahl im örtlichen Gasthaus, bei dem es Flussfisch in allen Variationen gibt, als Suppe, frittiert und gekocht, und hinterher einen Tigelada-

Kuchen aus Eigelb, Anis und Zimt, steigen wir auf den Turm des Kastells von Nisa. Von hier sieht man bei dem klaren Herbstwetter bis zur Serra de São Mamede im Süden. Auf den Plateaus von zwei Granitbergen liegen sich, von Mauern umgeben, die Dörfer Marvão und Castelo de Vide gegenüber. Zwischen ihnen gibt es einen alten, dreistündigen Fußweg durch Kastanien- und Korkeichenwälder, allerdings nicht markiert.

Er sei diesen Weg öfter als Kind gegangen, mit seiner Oma, sagt Carolino Tapadejo, den wir im historischen Kern von Castelo de Vide treffen. „Warum man den Weg nicht beschildert, weiß ich auch nicht, ich bin ja nicht mehr zuständig.“ Der Rentner mit Baskenmütze und getönter Brille war nach Ende der Salazar-Diktatur bis 1989 Bürgermeister von Castelo de Vide. Sein Interesse gilt weniger dem Wandern, als vielmehr der jüdischen Geschichte in seiner Stadt. Und die ist bemerkenswert. Weil 1492 die Juden aus Spanien vertrieben wurden, flüchteten viele über die Grenze nach Portugal. 4000 seien nach Castelo de Vide gekommen, sagt Tapadejo. Sie durften sich nur auf der Nordseite des Stadthügels ansiedeln, in der sogenannten Judiaria.

Er selbst hat jüdische Vorfahren, seine Familie ist seit 1502 hier ansässig. „Meine männlichen Ahnen sind seit 1508 alle Kunstschmiede gewesen“, sagt er. Bald nach dem spanischen Verbot des Judentums folgte das portugiesische: Die Menschen waren gezwungen, „Neuchristen“ zu werden, wenn sie hier bleiben wollten. Auf dem zentralen Platz der Stadt steht ein großer überdachter Brunnen aus Marmor: „Darin wurden die Juden getauft.“ Tapadejo zeigt auf eingeritzte Kreuze in manchen steinernen Türbögen der schmalen, weiß gekalkten Häuser: „Hier hat die Inquisition ihre Zweifel markiert an der Gesinnung der neuen Christen.“

400 Menschen aus Castelo de Vide wurden von der Inquisition ermordet. An sie erinnert ein Raum in der zum kleinen Museum ausgebauten ehemaligen Synagoge der Stadt. Tapadejo hat das verfallende Gebäude einst als Bürgermeister kaufen lassen. Doch es hat 30 Jahre gedauert, bis das Museum eröffnet werden konnte. An seiner Fassade steht neben der Entschuldigung des Staatspräsidenten für die Inquisition das jüdische Sprichwort: „Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht kennt, hat auch keine Zukunft.“

„Das war immer auch mein Motto“, sagt Tapadejo. „Nur ein Ort mit kultureller Identität hat hier an der Grenze Portugals eine Chance, zu überleben.“ Ein Credo, das Wanderführer Monteiro sicher auch sofort unterschreiben würde.

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