Astra gegen Aurora

Der Vorfall. Warum denn alle immer auf diesen Vorfall zu sprechen kämen? Paul Zammit kann durchaus ungehalten werden, wenn man ihn nach „Aida“ fragt, jener Oper, die im fernen Jahr 1999 nicht nur sein Haus, das Teatru Astra, aufgeführt hat, sondern auch die Konkurrenz vom Teatru Aurora. Und zwar beide innerhalb von einer Woche. Wenn man dann noch wagt zu fragen, ob er, Paul Zammit, Präsident des fast 150 Jahre alten Band-Clubs La Stella, die diesjährige „Turandot“-Aufführung des Teatru Aurora besucht, betrieben vom mindestens so stolzen Band-Club Leone, dann ist Schluss mit lustig. „Bekommt ihr Journalisten auf der Fähre aus Malta einen vergifteten Kaffee, der euch immer nur dieses eine fragen lässt?“, fragt Zammit verärgert. „Das ist doch nicht interessant. Interessant ist das Wunder, das wir auf dieser Bühne jedes Jahr vollbringen!“

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Man muss aber das Wunder und den Vorfall erklären, denn das eine wäre ohne den anderen nicht denkbar, hier in Victoria, der 7500 Einwohner zählenden Hauptstadt der Insel Gozo. Victoria ist ein freundliches Städtchen, mit einstöckigen, aus gelbem Kalkstein gebauten Häusern, an denen bunte Holzerker kleben. Es gibt eine Festung und viele Kirchen, die für einen so kleinen Ort recht überdimensioniert wirken. Und an der Republic Street, der Hauptstraße, die den Ort durchzieht, stehen zwei Opernhäuser: das Teatru Astra mit 1200 Sitzplätzen und, nur 300 Meter weiter auf der anderen Straßenseite, das Teatru Aurora mit 1600 Sitzplätzen. Gebaut wurden beide Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, das eine von den La-Stella-Leuten, das andere von den Leone-Leuten. Die Band-Clubs, die beide in ihrem Namen den Zusatz „philharmonische Gesellschaft“ tragen, sind so etwas wie in Deutschland die lokalen Blaskapellen, nur ein paar Takte ambitionierter und: viel zerstrittener.

Das geht so weit, dass man sich weder abspricht, was die jährlich im Oktober aufgeführten Opern betrifft, noch überhaupt miteinander redet, ganz zu schweigen davon, dass die Präsidenten oder Dirigenten die Aufführung der Konkurrenz besuchen oder, völlig absurd, im Dienste des Tourismus für ein gemeinsames Opernfestival kooperieren würden. Der Vorfall von 1999, als beide aus Sturheit nicht von „Aida“ ablassen wollten, sitzt immer noch wie ein Stachel der auf der Insel weit verbreiteten Feigenkakteen im Fleisch der Opernmacher. In diesem Jahr steht zweimal Puccini auf dem Programm – im Aurora führen sie „Turandot“ auf, im Astra geben sie Ende Oktober „Madama Butterfly“.

Die Ähnlichkeit stört Colin Attard wenig, denn ihm geht es vor allem um die Musik. Attard ist Dirigent im Aurora, und heute Abend ist Generalprobe von „Turandot“. Der energiegeladene 49-Jährige mit von wilden Haaren gesäumter Glatze empfängt in Flip-Flops und Shorts im Sitzungssaal des Aurora-Theaters: mondäne Tapeten, Kristalllüster, in der Mitte ein schwerer Holztisch mit einem brüllenden goldenen Löwen drauf, dem Bandsymbol. Für die Hauptrolle habe er Maria Guleghina gewinnen können, die vorige Woche noch die gleiche Rolle in der Metropolitan Opera in New York gesungen habe. „Und jetzt ist sie hier“, sagt Attard ehrfurchtsvoll. „Dass ein solcher Star zusammen mit lokalen Amateuren auftritt, aus denen der Chor zum Großteil besteht, das ist das Besondere an der Oper in Gozo!“

Darum geht es beim Opernwettstreit auch: Wer kann die größeren Stars einkaufen und den anderen damit die Show stehlen? Denn das Orchester ist bei beiden Opern dasselbe, das Malta Philharmonic Orchestra. „Das einzige, das auf unseren Inseln Opern spielen kann“, sagt Attard. Nur der Dirigent ist ein anderer. Während Attard seit 22 Jahren den Leone Band Club und die Opern im Aurora dirigiert, steht auf der anderen Seite, in selber Funktion, seit 40 Jahren Attards Onkel Joseph Vella. So viele gute Dirigenten gibt es auf den kleinen Inseln eben auch nicht. Er habe zwar bei seinem Onkel gelernt, sagt Attard, aber trotzdem fände er es „unethisch“, mit ihm über die aktuellen Aufführungen zu sprechen. „Ich hätte nichts dagegen, mir die andere Oper anzusehen, aber das würde unsere Leute und noch mehr die anderen brüskieren.“ In anderen Städten gebe es eine ähnliche Rivalität wohl nur beim Fußball: „Sie müssen sich das so vorstellen wie zwischen dem FC Bayern und 1860 München“, sagt Attard.

Aber Astra und Aurora spielen in derselben Liga, und das Derby zieht sich hier durchs ganze Jahr. Im Februar sind es die Karnevalsumzüge, im Sommer geht es darum, wer die besseren Prozessionen und Feuerwerke zu Ehren des eigenen Kirchenpatrons ausrichtet, und im Oktober ist eben die Disziplin Oper angesagt. Doch wer bestimmt den Gewinner? Wenn es in dieser gespaltenen Stadt einen gibt, der schon von Amts wegen neutral sein muss, dann wohl der Bürgermeister. „Neutral?“, sagt Samuel Azzopardi beim Abendessen im Café Jubilee, einem gemütlichen Pub am It-Tokk, dem Hauptplatz von Victoria. „Neutral kann ich nicht sein. Ich bin objektiv.“ Dabei grinst der 30-Jährige und schiebt hinterher, dass natürlich auch er in eine Kirchengemeinde hineingeboren wurde, Santa Marija, zu der La Stella und somit das Astra-Theater gehören. „Die eigenen darf ich kritisieren, bei den andern muss ich etwas diplomatischer sein.“ Aber in jedem Fall gebe es einen Gewinner der Rivalität: „Ohne sie hätten wir in Victoria sicher nicht dieses reiche Kulturleben und das hohe Niveau unserer Opernaufführungen.“

Und damit sind wir wieder beim Wunder, das Astra-Präsident Paul Zammit meint. Denn trotz des manchmal lächerlich wirkenden Streits sind die aufwendigen Opernaufführungen erstaunliche Kraftakte mit der Beteiligung von vielen Freiwilligen. Von den Kostümen über das Bühnenbild und den Chor, der großteils aus Einheimischen besteht, bis hin zu Programmheften, Kartenverkauf und Werbung wird alles von opernbegeisterten Gozitanern gemacht, die keinen Cent dafür bekommen. „Unser Bühnenbildner nimmt sich drei Wochen frei, um hier zu arbeiten“, sagt Zammit im Publikumsraum des Astra, und weist auf den Mann, der auf der Bühne gerade einen riesigen Buddhakopf mit Goldfarbe bemalt. Er wird, genau wie die rote Pagode daneben, bei der Aufführung von Wasser umgeben sein – Wirkungsort von Cho Cho San alias Butterfly, für die man die italienische Sopranistin Daniela Dessi gewonnen hat. „Der Lohn ist am Ende der Stolz“, sagt Zammit, „wieder einmal geschafft zu haben, was ganz Malta nicht schafft.“ Die Hauptinsel Malta, will er damit sagen, hat nämlich kein Opernhaus, seit die Deutschen die Oper im Zweiten Weltkrieg zerbombt haben.

Man muss sich dazu stets vergegenwärtigen, dass Gozo eine Insel ist, die man mit dem Fahrrad an einem Tag gemütlich abfahren kann. Es gibt hier ein paar schöne Sandbuchten, viel Steilküste, hübsche Dörfer mit riesigen Kirchen und beste Bedingungen für Taucher. Jetzt im Oktober hat es noch über 25 Grad Celsius, das Wasser ist warm. Die meisten ausländischen Touristen kommen wegen dieser Dinge hierher. Das soll sich, wenn es nach Michael Caruana geht, aber ändern.

Caruana ist Paul Zammits Gegenspieler, auch wenn er das selbst niemals so nennen würde. Caruana ist Präsident des Leone Band Clubs. Weil er aber gleichzeitig der größte Baustoffimporteur für die Insel ist und ein Hotel mit 100 Zimmern besitzt, gibt es außer der Oper noch ein paar andere Dinge, die ihm wichtig sind. Er empfängt ebenfalls im prunkvollen Sitzungsraum mit dem goldenen Löwen am Tisch. „Wir sollten diese Kirchturmpolitik hinter uns lassen“, sagt der beleibte Mann mit ruhiger Stimme. „Aus touristischer Sicht wäre es besser, wenn die zwei Theater kooperieren. Das geht aber nur über die Vermittlung der Regierung.“ Einen solchen Versuch gab es bereits vor Jahren, der Minister soll damals entnervt die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen haben. Caruana tut das mit einer Handbewegung ab. Ihm schwebt ein mehrmonatiges Kulturfestival im Herbst vor und eine professionelle Vermarktung der Opern im Ausland. Es kommen vor allem maltesische Touristen zu den Opern, weshalb diese nur ein-, höchstens zweimal aufgeführt werden. Das sei schade, denn eine längere Opernsaison würde auch eine längere Touristensaison bedeuten. „Schließlich können wir auf internationalem Niveau mithalten.“

Die Generalprobe für „Turandot“ am Abend macht einen professionellen, wenn auch etwas unkonventionellen Eindruck. Maestro Collin Attard dirigiert passioniert, gibt aber zwischen den Akten dem Chor noch Anweisungen. „Dai, dai, dai! Ihr seid immer zu spät!“, ruft er auf Italienisch. Dann schimpft der Regieassistent mit den Chorleuten, weil sie ihre Kaugummis auf den Bühnenboden spucken. Schließlich geht es weiter, die Guleghina steuert mit ihrer gewaltigen Stimme den verspäteten Amateur-Chor, insgesamt ist es eine erstaunlich professionelle Aufführung.

Und während oben der Hochkultur gehuldigt wird, kann man sich in den Aktpausen im Theaterfoyer eine weitere gozitanische Besonderheit ansehen. In der „Aurora Snack Bar“ wird Billard gespielt, alte Männer schauen auf drei Bildschirmen gleichzeitig Fußball, und an einer Reihe von Spielautomaten zocken Jungs höchst konzentriert Real Madrid gegen Barcelona. „Damit kann die Oper das ganze Jahr über etwas Geld verdienen“, bemerkt Attard mit einem Grinsen.

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