In Tricias Garten

Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. „Heavy rain“ sagt die BBC vorher, teilweise könne es sogar zu „sintflutartigen“ Schauern kommen. Nun gut, London ist nicht gerade für seine vielen Sonnenstunden bekannt. Als Tourist muss man damit rechnen. Gehört irgendwie dazu. Kann einem auch egal sein, weil man die meiste Zeit ohnehin in Museen, Bars oder Hotelzimmern verbringt.

Mir ist es nicht egal. Denn ich werde campen. Und zwar im Garten von Tricia Jones. Mitten in East London, zwei U-Bahnstationen nördlich des Olympiaparks. Tricia Jones habe ich im Internet kennengelernt. Auf der Seite campinmygarden.com bietet sie, wie mehrere andere Londoner, ein paar Quadratmeter englischen Rasens in ihrem Garten an, damit auch Normalverdiener sich das Übernachten während der Olympischen Spiele leisten können.

„Meine Tochter denkt, ich bin total verrückt geworden“, sagt Tricia, während sie mich von der U-Bahnstation Leytonstone abholt und durch endlose Reihenhausstraßen zu ihrem Haus fährt. Ihre Tochter habe den Sohn des Erzdiakons von Lichfield geheiratet, und nun so was: „Bestimmt lässt sie sich bald von mir scheiden!“ Tricia ist 64 und sie hat Humor. Von der Garten-Camp-Idee hat sie aus dem Fernsehen erfahren und sich gleich angemeldet. „Ich dachte an Familien, aber bisher hat sich niemand gemeldet, die Website kennt wohl keiner.“

Der Garten ist schöner, als die Bilder im Internet vermuten ließen: Eine Palme steht da, üppig gedeihen Rosmarin und Lavendel, die Rosen blühen. Und ganz hinten, am Ende der schmalen Parzelle, neben dem Gartenhäuschen, steht bereits ein blaues Zelt. Ein Freund hat es Tricia gebracht und auch gleich aufgebaut. So musste ich keines aus Deutschland mitbringen, nur Schlafsack und Isomatte.

Der Freund hat auch gleich eine dicke Schaumgummi-Matratze reingelegt. Camping de luxe. Beunruhigend ist lediglich, dass das Zelt nur eine Haut hat. Aber zumindest steht „weather tested“ drauf.

Vorerst wird das Wetter an diesem Abend immer schöner – entgegen allen Vorhersagen. Tricia kann es kaum glauben: „Du hast den deutschen Sommer mitgebracht“, sagt sie und öffnet eine Flasche französischen Weißweins. Die Sonne bricht durch die Wolken, und wir beschließen, ein Barbecue zu veranstalten. Schließlich habe ich als Gastgeschenk nicht nur deutsches Wetter, sondern auch deutsche Würste dabei, Nürnberger für den Abend, Weißwürste und süßen Senf fürs Frühstück. Trotz meiner Beteuerung, man esse die in München nur vor zwölf Uhr, landen sie, in Stücke geschnitten, aber vorschriftsmäßig gekocht, am Abend neben den gegrillten Nürnbergern und dem asiatisch gewürzten Hühnchen.

Beim Barbecue sind auch Tricias drei Untermieter dabei. Sie habe schon seit 30 Jahren Untermieter, erzählt sie. Zunächst, um als Alleinerziehende ihre beiden Kinder durchzubringen, „und ich habe einfach gerne Gesellschaft“. Alle probieren von den Weißwürsten und loben sie artig, vor allem den Senf. Tricias arthritischer Hund Thess und ihre drei Katzen streichen um die Tische. Irgendwann kommt das Gespräch auf Olympia. Alle haben vor, während der Spiele aus der Stadt zu flüchten. „Der öffentliche Verkehr funktioniert ja jetzt schon nicht“, sagt Toby Hunt, ein schmächtiger, lustiger Typ. Er werde zum Glück in Buxton sein, um beim Opernfestival „Gilbert & Sullivan“ zu singen.

Nach dem Essen und inständigem Bitten der bereits angeheiterten Gesellschaft holt er sein E-Piano, baut es im Garten auf und beginnt zu singen – mit einem überwältigenden Bariton. Neapolitanische Liebeslieder hat er genauso drauf wie die komischen Opern von Gilbert & Sullivan oder Presleys „Falling in love“. Bei manchen Liedern singen alle mit. Als Vorgartencamper rechnet man ja mit vielem: Ratten, Gangstern, Schlamm – aber eher nicht mit einem privaten Opernabend.

Doch dann kommt die Nacht. Das bedeutet für mich, dass ich nach dem Zähneputzen in Tricias Bad ausgesperrt werde. Während Tricia, ihre Untermieter, Hund und Katzen im erleuchteten Ziegelbau verschwinden, bleibe ich alleine draußen zurück. Die Balkontür zum Garten lässt sich von außen nicht öffnen; hier ist East London, alles wird verrammelt. Für dringende Bedürfnisse hat Tricia mir eine Chemietoilette und eine Waschschüssel in den Schuppen gestellt. Der Himmel ist nun bewölkt und leuchtet matt orange. Die Matratze ist bequem. Ferne Polizeisirenen und das Rauschen der nahen Autobahn sind das Gute-Nacht-Lied des Großstadt-Campers. Ich erwache, als der Regen auf die Zelthaut trommelt, erst zaghaft, dann immer heftiger. Wird schon halten, denke ich und schlafe wieder ein. Morgens, als die ersten Jumbos über dem Garten durchstarten, regnet es immer noch. Das Zelt hat gehalten – mehr oder weniger. Die Schaumgummimatratze zieht leider etwas Feuchtigkeit.

Die Gartentür steht zum Glück schon offen. Tricia sitzt mit den Katzen auf der roten Samtcouch vor dem Frühstücksfernsehen. Sie zeigen Bilder von Überflutungen. „Cornwall, Somerset, Yorkshire, alles steht unter Wasser. Du hast Glück gehabt!“, sagt sie. London sei noch mal verschont geblieben. „Wir sollten in diesem Land nichts mehr organisieren, das Wetter ist einfach zu schlecht“, sagt Tricia. Dann geht sie in die Küche und brät Würste, Schinken und Pilze. Sie findet, der Gast müsse als Entschädigung ein gescheites englisches Frühstück bekommen.

„Upper Leytonstone“, wie Tricia ihr Viertel ironisch nennt, besteht im Wesentlichen aus putzigen Backstein-Reihenhäusern mit Gärten, ein paar Kirchen und dem Epping Forest, einem schmalen Waldgebiet mit einigen Seen. Von hier ist man mit der U-Bahn nach zwei Stationen in Stratford, wo der Olympiapark steht. Um den überhaupt zu sehen, muss man erst mal durch das riesige Westfield-Einkaufszentrum. Vom dritten Stock des John-Lewis-Kaufhauses, so Tricias Tipp, habe man einen guten Überblick über die Sportstätten – und steht im Trockenen. Abends gehen wir zuerst in Tricias Stammpub und dann zu ihrem Lieblingsinder. „Curry ist einfach unser Nationalgericht“, sagt Tricia, die früher selbst mal Pubwirtin war.

Die zweite Nacht im Zelt verläuft dann völlig trocken und bis auf ein extrem lautes Hubschraubermanöver auch ohne größere Aufregung. Morgens zeigen sie im Frühstücksfernsehen erneut Überflutungen. „Du hast wieder Glück gehabt“, sagt Tricia. Aber nächste Nacht soll auch London „heavy rain“ abbekommen: „Da bist du ja zum Glück schon weg.“

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